Crossing Blades 18

Irgendwann in der Nacht sind beide so müde, dass Jack die Segel einholt. Zorro rollt eine Strohmatte aus und breitet einen langen, schwarzen Mantel als Decke aus. Der muss wohl Mihawk Dulacre gehört haben.

Jack wirft einen Blick auf den Schlafplatz und begreift, dass er einen Fehler gemacht hat. Sie hätten doch in der Stadt bleiben sollen. Dann hätte er eine schöne Nacht mit Coral gehabt und die kleine Julie hätte Zorro trösten können. Und wie sie ihn getröstet hätte. Besonders, wenn sie seine ganze Geschichte gekannt hätte. Das wäre vermutlich besser für ihn gewesen als die Nacht hier mit Jack verbringen zu müssen. Es ist so verdammt eng in so einem kleinen Boot. Hier kann man nur nebeneinander schlafen, wenn man zwölf Stunden Knochenarbeit hinter sich hat, oder wenn man sich sehr nah ist.

Zorro hat das Gesicht zur Bordwand gedreht und will niemandem nah sein.

Jack kann es ihm nicht verdenken, aber wo soll er hin? Seufzend versucht er, neben Zorro Platz zu finden. Zorro rutscht noch ein paar Zentimeter weiter, aber da ist nur die Bordwand. Sein Körper fühlt sich spitz und scharfkantig an, „Bleib weg von mir“ ist in Großbuchstaben über seine bretthart verkrampften Rückenmuskeln geschrieben. Jack weiß wie ihm zumute sein muss. Aber es gibt einfach keine Möglichkeit, auf so engem Raum Berührungen zu vermeiden. Und Jack hat keine Lust, neben einer Rolle Stacheldraht zu schlafen. Keiner von ihnen wird auf diese Weise Schlaf finden. Irgendetwas muss ihm jetzt einfallen.

Er legt einen Arm um Zorro und greift nach seiner Hand. Ein Schauder läuft durch Zorros verkrampften Körper und er hebt unwillig den Kopf.

Jack (beruhigend):
Schhhhh, Zorro. Hier geschieht nichts, was du nicht willst, klar? Nimm meine Hand, dann weißt du, wo sie ist.

Zorro schiebt seinen Arm weg.

Zorro (erzwungen gleichgültig):
Ist schon in Ordnung. Weiß ich doch.

Jack:
Hier ist gar nichts in Ordnung.
Kann ja sein, dass du’s weißt. Aber ich will, dass du’s spürst. Die ganze Nacht, bis in den Schlaf hinein, klar?

Nun nimm schon meine Hand. Die andere kann ich dir nicht geben, da lieg ich drauf.

Keine Antwort.

Zorros Hand in seiner wie ein toter Fisch.

Aber immerhin, Zorros Atemzüge werden mit der Zeit ruhig, lang und gleichmäßig und seine angespannten Muskeln entkrampfen sich ein wenig.

Jack richtet sich vorsichtig auf dem Ellenbogen auf und blickt über Zorros Schulter. Im Schlaf sieht Zorro sehr jung aus.

Ein Zucken läuft über Zorros Gesicht. Verdammt noch mal, Jack hätte es wissen müssen. Der Junge spürt Blicke bis in den Schlaf hinein. Jetzt, wo Jack die Augen des verstorbenen Mihawk Dulacre, genannt Falkenauge kennt, wundert ihn nichts mehr. Jack wendet den Blick ab, aber es ist zu spät. Zorro schreckt hoch und krallt seine Finger in Jacks Handrücken. Jack zischt vor Schmerz durch die Zähne, das war die Hand, durch die die Haarnadel durchgegangen ist, aber er zieht sie nicht weg. Zorro wirft sich herum, gegen Jacks Schulter und sieht zu ihm hoch, einen Moment aschgrauer Hoffnungslosigkeit in den Augen.

Zorro (schlaftrunken und verwirrt; er hat seinen Schrecken nur so gerade unter Kontrolle):
Ach, du bist’s... Jack...

Was ist los? Warum siehst du mich so an?

Er sieht in Jacks braune Augen, in denen Überraschung steht, Mitleid,  Ärger über sich selbst und über Mihawk Dulacre, das Schwein, und ganz hinten ein Funken ironisches Lachen. Es wäre nicht Jack, wenn da keins wäre.

Jack:
Alles in Ordnung. Schlaf weiter.

Zorro (etwas ruhiger, murmelt im Halbschlaf):
Ich mag das nicht, sorry, weiß nicht warum...

Jack:
Schon gut, ich mach’s nicht mehr.

Wie geht’s dir?

Zorro (unwillig und abwehrend):
Ich hab doch nur eins auf den Kopf gekriegt...

Jack:
Das meine ich nicht.

Zorro:
Weiß nicht.

Komisch.

So... leer.

Und ich weiß nicht, wo ich hin soll...

Jack (gleichmütig):
Zähneziehen tut weh.

Zorro (grinst schwach):
Du wirst es wissen. Soviel Gold, wie du im Mund hast...

Jack versucht, nicht auf Zorros Hinterkopf zu starren und lächelt wehmütig über diesen blassen Abglanz von Zorros einstiger Frechheit, in die er vor drei Wochen so verschossen war. Er würde Zorro so gerne einen Kuss in den Nacken drücken, aber er lässt es bleiben. Nicht, dass Zorro ihm über Bord springt. Oder, noch schlimmer, es mit zusammengebissenen Zähnen erträgt.
Grabrede für Mihawk Dulacre: Du Schwein. Eine Flasche ins Gesicht war noch viel zu gut für dich. Hoffentlich macht der Teufel seinen Job richtig.

Während Jack sich in detailreiche Halbschlafträumereien verliert, spürt er, wie Zorro die Hand hochzieht. Offenbar wird es ihm unbequem, sie die ganze Nacht hinter dem Rücken hängen zu lassen. Jacks Hand darf auf Zorros Hüfte liegen. Jack streicht Mihawk Dulacre aus seinen Gedanken und schläft mit einem selbstzufriedenen Lächeln ein.

Er erwacht im Morgengrauen, als Zorro sich zu ihm umdreht. Verschlafen blinzelt er in Zorros Gesicht. Zorro ist offenbar schon länger wach, sieht ihn an und hängt langen Gedankengängen nach.  Er hält immer noch Jacks Hand in seiner.

Zorro (leise und nachdenklich):
Du hast hübsche Augen, Jack, weißt du das?

Jack (schläfrig-zufrieden):
Ja, weiß ich.

Zorro:
Jack... du bist so ein Mistkerl...

Jack beschließt, weiterzuschlafen.

Zorro:
... aber ich bin froh, dass ich dich getroffen hab.

Jack (öffnet ein Auge und grinst träge):
Solltest du auch sein. Ohne mich wärst du jetzt tot.

Zorro grinst schwach, aber er lässt Jack diese Großspurigkeit durchgehen. Er hat etwas anderes auf dem Herzen.

Zorro:
Ohne dich wär ich vielleicht überhaupt nicht hier.

Nee. Ich meine, wenn ich dich nicht kennen würde... also, wenn Mihawk... wenn das das allererste Mal gewesen wär... ich glaub, ich könnte nie wieder jemanden anfassen.

Jack ist gerührt. Solche einfachen und riesengroßen Sätze sagt man nur mit neunzehn. Er will Zorro in den Arm nehmen, aber Zorro hält seine Hand fest, behutsam, aber bestimmt und schüttelt den Kopf.

Na schön, dann eben nicht.

Jack (murmelt im Halbschlaf):
Und wer ist der beste Schwertkämpfer?

Zorro sieht ihn betroffen an und denkt lange über diese Frage nach.

Zorro (langsam und nachdenklich):
Mihawk Dulacre.

Jack ist mit einem Schlag hellwach und verwünscht sich und seine blöde Frage.

Jack:
Zorro, hör auf! Du machst dich kaputt!

Zorro (ruhig):
Nein. Das ist so. Das kann ihm keiner mehr wegnehmen. Du am allerwenigsten.

Schweigen

Zorro (sehr nachdenklich):
Ich auch nicht. Nie mehr.

Verrückt, nicht?

Muss wohl irgendwas bedeuten, wenn mir so was im Leben zweimal passiert. Karma oder so was.

Jack wartet ab. Zweimal, das versteht er nicht. Zorro wird es ihm schon erzählen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Aber Zorro schweigt.

Zorro (nach langer Pause, mit einem kleinen Lächeln):
Mach dir keinen Kopf. Ich geh nicht so schnell kaputt. Ich doch nicht.

Jack lächelt erleichtert und hebt den Kopf. Ein Kuss sollte doch nun endlich mal drin sein. Verdammt noch mal, Jack hat Sehnsucht nach Zorro gehabt! Aber  Zorro legt ihm zwei Finger auf die Lippen und drückt seinen Kopf zurück, nicht grob, nicht erschrocken, nur sehr entschieden.

Zorro:
Nein. Nicht jetzt. Nicht gleich. Irgendwann mal... vielleicht...

Jack grinst ihn wissend an.

Jack:
Schon gut. Ich weiß genau, was du meinst...

Er lässt sich zurückfallen, dass er hingegossen auf den Planken liegt, und wirft Zorro einen Blick unter halbgeschlossenen Lidern zu. Der Blick sagt „Küss mich, ich bin dein“.

Zorro muss bei diesem Anblick leise kichern.

Zorro:
Ach, Jack, du spinnst doch...

Jack lächelt ihm flirtend zu und schenkt ihm einen sehnsuchtsvollen Augenaufschlag, wie ein erwachendes Dornröschen.

Zorro zögert einen Moment, dann beugt er sich kichernd über Jack und küsst ihn. Es ist ein freundlicher, zurückhaltender, kleiner Kuss, der nichts verspricht. Aber es ist Zorro, nicht sein seelenloser Schatten. Und Jack spürt wie viel Mut es Zorro kostet. Wie dünn das Eis ist, auf dem Zorro sich bewegt.
Eigentlich... dieser Junge ist unglaublich. Was Mut und Durchhaltewillen und Selbstheilungskräfte angeht, ist er nicht zu schlagen. Gestern Abend konnte er noch keine Hand auf seinem Arm ertragen. Gestern Nacht hätte er Jack beinahe umgebracht. Und nun das.

Jack weiß, dass dies trotz allem ein unendlich zerbrechlicher Moment ist. Also nimmt er Zorro nicht in den Arm, nutzt das nicht als Ticket für einen weiteren Kuss, sondern wartet einfach nur ab.

Zorro lässt sich neben ihn auf die Planken sinken. Keine Umarmung, keine weitere Berührung. Nur ein langer, gedankenverlorener Blick. Dann dreht Zorro sich auf den Rücken und schaut zum grauen Morgenhimmel empor. Immerhin, es scheint ihn nicht zu stören, dass sein Kopf an Jacks Schulter liegt.

Zorro (ohne Jack anzusehen):
Beim letzten Mal hat er mir die Nase blutig geschlagen.

Das musste jetzt kommen. Jack hat überhaupt keine Lust, Details zu erfahren. Der letzte Passagier, den er an Bord haben möchte, ist der Geist von Mihawk Dulacre. Aber Zorro muss es wohl los werden.

Jack (halbherzig):
Mhm. Nicht so schön.

Zorro(hat Jacks Desinteresse entweder nicht bemerkt oder er ignoriert es):
Ja, eben. Nicht schön. Aber auch nicht wirklich schlimm, weißt du?  

Ich meine, wie oft hab ich schon eine blutige Nase gehabt? Wenn das beim Training passiert wär, ich hätte nicht mal drüber nachgedacht. Aber so... irgendwie war das schlimmer als alles andere. Obwohl alles andere auch ziemlich Scheiße war.

Jack:
Also gab es doch Momente, wo du nicht mitgemacht hast?

Zorro:
Ich hab mich nicht gewehrt, wenn du das meinst.
Konnte ich gar nicht. Er hat mir die Hände gefesselt, so...

Zorro kreuzt die Hände über dem Kopf.

Zorro:
... und den Strick da um das Brett gebunden. Das hat er oft gemacht. Aber er war nie brutal zu mir. Nur beim letzten Mal, da hat er mir eine gescheuert, dass es geblutet hat. Obwohl ich nicht zurückschlagen konnte.

Jack fühlt sich entschieden unwohl. Nicht, dass ihn das besonders schockiert. Aber er ist sich schmerzhaft bewusst, dass er auf Mihawk Dulacres Platz liegt, unter Mihawk Dulacres Mantel, exakt an dem Ort wo Zorro bis gestern noch Dinge erlebt hat, die ihn an den Rand dessen gebracht haben, was er ertragen kann.
Der Geist von Mihawk Dulacre haust in den Planken, in den Segeln, im Wasserfass. Er wird sie noch lange begleiten.

Zorro (wegwerfend):
Na, und dann halt das Übliche. Kann ganz schön weh tun, das hätte ich nicht gedacht.

Jack macht eine mitfühlende Grimasse. Ihm wäre wohler, wenn Zorro die Hände herunternehmen würde.

Jack:
Lass es in Ruhe. Es ist vorbei. Der wird dir nie wieder was tun.

Zorro (ratlos):
Ich versteh’s nur einfach nicht. Warum?

Jack:
Ganz einfach. Der wollte dich bluten sehen.

Zorro:
Ja, aber warum denn?

Jack:
Weißt du das nicht? Du warst sein schlimmster Alptraum.

Zorro (ungläubig):
Ich? Ich doch nicht, ich war nie gut genug...

Jack:
Der wusste, dass er keine Chance gegen dich hat. Niente. Nada.

Zorro sieht ihn verständnislos an.

Jack:
Du verstehst das nicht, was? Klar, in deinem Alter versteht man das nicht.

Du bist neunzehn. Du hast die Zeit auf deiner Seite. Selbst wenn du die nächsten zehn Jahre nur am Strand liegst und schaust, was es auf dem Boden einer Rumflasche zu sehen gibt, er hätte keine Chance gegen dich gehabt. Weil er in zehn Jahren ein alter Sack gewesen wäre, dessen beste Zeiten vorbei sind. Das muss er gewusst haben, vom ersten Moment an.

Zorro (zweifelnd):
Ja, aber dann hätte er mich doch gleich töten können. Hat er aber nicht.

Jack:
Dann wärst es halt nicht du gewesen, sondern irgendein anderer ehrgeiziger junger Kerl. Wohlmöglich einer, der nicht mal deine Klasse hat. Ändert nichts an der Sache.

Und ich denk mal, zu allem Übel war er außerdem verrückt nach dir, mit Haut und Haaren.

Zorro nickt langsam.

Zorro(zögernd, wie wenn langsam Licht in dieses düstere Durcheinander kommt):
Okay. Ja. Das muss hart sein.

Jack (unwillig):
Jetzt fang bloß nicht damit an, dass er dir leid tut.

Zorro schüttelt den Kopf, wie um einen bösen Traum zu verscheuchen und steht auf.

Zorro:
Willst du einen Kaffee, Jack? Ich hab eingekauft, wir haben alles da.

Jack bleibt noch einen Moment liegen und beobachtet Zorro, der in der Vorratskiste wühlt und mit dem Kohlebecken hantiert. Eigentlich hat er gegen Frühstück im Bett überhaupt nichts einzuwenden, aber irgend etwas daran, wie Zorro bereitwillig und schweigend Feuer macht und Wasser aufsetzt, lässt ihn sich unbehaglich fühlen. Er fragt sich, ob sein Optimismus nicht vielleicht verfrüht war. Ob das mit Zorro jemals wieder so wird wie vorher? Es gab eine Zeit, wo Jack sich so sehr gewünscht hätte, mal mit Zorro allein sein zu können. Jetzt ist er gar nicht mehr sicher, ob er das wirklich will. Jemanden am Hals zu haben, der dauerhaft in den vergangenen Schrecken einer schiefgelaufenen Leidenschaft gefangen ist? Da ist Jacks Bereitschaft zur Nächstenliebe recht begrenzt.

Jack (vorsichtig):
Zorro, du musst nicht für mich Frühstück machen.

Zorro (über das Kohlebecken gebeugt):
Das ist schon in Ordnung. Ich mach das sowieso immer. Mir macht das nichts aus.

Eben, denkt Jack. Das ist ja der falsche Ton dabei. Er kriecht unter dem Mantel hervor und setzt sich zu Zorro.

Jack (angewidert):
Reis und Suppe? Zum Frühstück?

Zorro:
Ja, und?

Jack:
Etwas... ungewöhnlich, findest du nicht?

Zorro (kratzbürstig):
Nö. Weißbrot wird trocken und Eier gehen kaputt. Und ich werd den Teufel tun,  hier mit Speckbraten anzufangen. Heiß ich Sanji?

Er schiebt eine Schüssel zu Jack hinüber. Jack ist zwar ein wenig erleichtert, dass Zorro wieder so ruppig klingt wie Zorro, aber diese schlammige Flüssigkeit mit glitschigen Dingen drin.... Jack stochert lustlos darin herum.

Jack (missmutig):
Und was ist das Grüne?

Zorro:
Seetang. Ist gesund.

Bei Jacks Gesichtsausdruck langt es ihm.

Zorro (ungeduldig):
Herrgott noch mal, dann such dir halt irgendwas aus der Vorratskiste.

Jack kramt zwischen Tüten, Schachteln und Dosen. Zorro nimmt sich Jacks Schüssel.

Zorro (Miso-Suppe schlürfend):
Also, ich mag Seetang zum Frühstück.

Irgendwas an diesem Satz scheint ihn selber zu überraschen. Jack spürt es auch. Er weiß nicht, was es ist, aber es ist wie ein Sonnenstrahl zwischen grauen Wolken.

Jack beschließt, dass man sich um Zorro keine Sorgen zu machen braucht. Warum auch? Schließlich segelt er mit Captain Jack Sparrow.


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