Jack verflucht einmal mehr den Umstand, kein eigenes Schiff zu haben. Er hat sich Mitfahrgelegenheiten erkauft, ertauscht, erbettelt und erschlichen. Er hat Nächte in stinkenden Laderäumen verbracht, Schmugglern gezeigt, wie man den Job richtig macht, sich das Lebensdrama eines Kohlenkahnkäptns angehört und einen Zentner Heringe ausgenommen. Das letzte Stück des Weges ist er sogar zu Fuß gegangen. Wenn das nicht Leidenschaft und Hingabe ist...

Eigentlich ist er froh, dass er die Flying Lamb hinter sich gelassen hat. Nach Zorros Verschwinden ist die Stimmung an Bord gekippt, es hat wirklich keine Freude mehr gemacht. Ruffy schwankt zwischen nutzlosen Versuchen, sich erwachsen zu geben und dem Benehmen eines Fünfjährigen. Sanji leidet sichtlich darunter, keinen Gegner mehr zu haben und lässt seine schlechte Laune darum an Lysop aus, der in seiner jetzigen Verfassung ein billiges Opfer ist. Nami trägt schwer an der Last, der einzige vernünftige Mensch an Bord zu sein und wird immer biestiger. Nein, die Zeit war definitiv reif, eigene Wege zu gehen.

Und nun steht Jack wieder einmal an einem Kai und schaut über die vielen ankernden Schiffe, ob vielleicht... ja. Da ist eins. Klein, schwarz, hässlich und der ganze Gothic-Schnickschnack macht es nur noch hässlicher. Wer schafft sich so etwas nur an? So etwas gehört in eine Geisterbahn und nicht aufs Meer. Jack schlendert den Kai entlang und fragt sich, was er eigentlich nun erwartet. Eine schicksalhafte Begegnung mit dem berühmten Mihawk Dulacre? Jack ist wirklich neugierig auf ihn. Aber vielleicht ist ohnehin alles zu spät? Oder Zorro versteht sich prächtig mit seinem neuen Käptn und will gar nicht gestört werden? Vielleicht war Jacks Sorge einfach nur gekränkte Eitelkeit und ein wenig Eifersucht?

Alles friedlich. Ein schwarzes Schiffchen in der Abendsonne, von Mihawk Dulacre keine Spur. Zorro liegt an Deck und schläft. Wie er das halt so tut.

Moment. In diesem Bild ist ein Fehler versteckt. Wenn Zorro an Deck der Flying Lamb schläft, dann liegt er da, wie wenn ihm die ganze Welt gehört, lang auf dem Rücken ausgestreckt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Nicht so zusammengeknüllt, die Knie hochgezogen, das Gesicht hinter den Armen versteckt. Jack runzelt die Stirn und sucht nach weiteren Indizien. Striemen von Stricken an den Handgelenken. Das sieht böse aus. Aber jetzt ist niemand da und Zorro könnte sich frei bewegen.  Ein paar Kratzer und blaue Flecken, die hat Zorro immer, wenn er trainiert, das ist nicht weiter schlimm. Obwohl... dieser dunkle Fleck am Hals, das könnte ein Würgemal sein, oder... Getrocknetes Blut in den Nasenlöchern. Nein, das sieht gar nicht gut aus.

Zorro wirft sich unruhig zur Seite und schreckt hoch. Jack ist sicher, dass er kein Geräusch gemacht hat. Kann Zorro im Schlaf Blicke spüren? Lernt man so etwas auf der Schwertkampfschule?
Die aschgraue Hoffnungslosigkeit in Zorros Augen jagt Jack einen Moment lang einen kalten Schauder über den Rücken. Dann huscht ein wenig Freude über Zorros Gesicht.

Zorro:
Jack...?

Jack:
Schön, dich zu sehen.

Zorro:
Wo ist Ruffy?

Jack:
Irgendwo. Nicht hier.

Zorro sieht ein wenig enttäuscht aus, dann denkt er darüber nach und seine Freude erlischt wie ein Streichholz im Regen.

Zorro:
Ist auch besser so...

Jack klettert zu ihm ins Boot. Zorro wirft ihm einen halb feindseligen, halb erschrockenen Blick zu.

Zorro: Jack... geh weg.

Jack:
Na, aber... was ist denn das für ein Empfang?

Zorro:
Wenn du mich hier gefunden hast, dann weißt du auch, mit wem ich unterwegs bin.

Jack:
Oh ja. Freibeuter. STAATSBEAMTE. Wie nennt er sich? Falkenauge? Aasgeier ist der richtige Ausdruck für Gestalten wie ihn.

Zorro:
Wie auch immer. Hau ab. Er hat was gegen Leute wie dich.

Jack  (leichthin):
Das trifft sich wunderbar, ich hab nämlich was gegen Leute wie ihn. Kommst du mit?

Zorro:
Ich meins ernst. Geh weg. Bitte.

Jack:
Wenigstens auf ein Bier oder fünf?

Zorro:
Nein. Ich muss auf das Schiff aufpassen.


Schweigen


Jack :
Und, wie gehts dir?

Zorro (abweisend):
Gut.

Jack:
Wirklich?

Zorro:
Wirklich.

Jack weist auf Zorros Handgelenke

Jack:
Was hast du da gemacht?

Zorro(ausweichend):  
Nichts. Das ist beim Segeln passiert.

Jack:
Beim Segeln. An beiden Handgelenken.

Zorro senkt den Kopf und versteckt seine Handgelenke zwischen den Knien.

Dass Zorro lügt, hat Jack noch nicht erlebt. Er hat es nicht  einmal für möglich gehalten. Irgend etwas ist hier oberfaul.

Jack (eindringlich):
Zorro, was hat der Kerl mit dir gemacht?

Zorro (tonlos):
Nichts.

Jack (ärgerlich):  
Das kannst du der Königin von England erzählen, dass der NICHTS mit dir gemacht hat. Also, was?

Zorro:
Nichts... wobei ich nicht mitgemacht hätte.

Jack zieht eine Augenbraue hoch. Das ist doch erst die Spitze des Eisbergs. Na, mal schauen. Zorro zum Sprechen zu drängen bringt vermutlich nichts.


Schweigen


Zorro hatte sich geschworen, niemals nie irgendjemanden von den letzten Wochen zu erzählen. Andererseits, Jack ist vielleicht der Einzige, der verstehen könnte, was hier geschehen ist. Eher sogar als Zorro selbst. Und Zorro war so einsam in diesen Tagen, er hätte nie gedacht, dass man in Gesellschaft eines anderen so allein sein kann.

Zorro (spricht hastig und mit gesenktem Kopf):
Die hatten mich angebunden, ich weiß nicht wie lang...
und als er mich losgemacht hat... da konnte ich mich nicht bewegen...

und dann hat er... er hat...

Jack begreift. Unwillkürlich will er Zorro tröstend die Hand auf den Arm legen. Zorro schlägt seine Hand zur Seite.

Zorro (zischt):
Fass mich nicht an!

Jack wünscht sich einen Kreis der Hölle, der einzig und allein für Mihawk Dulacre reserviert  ist.

Jetzt aber erst mal Zorro aus dieser Zwickmühle herausholen.

Jack (sachlich):
Und wobei genau hast du mitgemacht, wenn du dich nicht bewegen konntest?

Zorro (ausweichend):
Du weißt schon.

Ach du Scheiße. Auch das noch. So wird das nichts. Also mal andersherum gefragt.

Jack:
Und, wars gut?

Zorro (leise):
Nein.

Jack:
Willst dus weiterhin so haben?

Zorro (noch leiser):
Nein.

Jack:
Also?

Zorro schüttelt den Kopf.

Jack:
ALSO?

Zorro:
Du verstehst das nicht.

Jack:
Welchen Teil von Nein hab ich jetzt nicht verstanden?

Zorro:
Es gibt eine Abmachung. Da halte ich mich dran.

Jack:
Ach, eine ABMACHUNG. So mit Kleingedrucktem, was?

Zorro (ignoriert seine Stichelei):
Ich bleibe bei ihm und irgendwann mal darf ich gegen ihn kämpfen.

Jack (höhnisch):
Zu Pflaumenpfingsten.
Zorro (aggressiv):
Das kann dir scheißegal sein.

Jack (beschwichtigend):
Na schön. Zu einem Zeitpunkt, der mir scheißegal sein kann, kämpfst du gegen ihn. Und dann?

Zorro (die Augen dunkel vor Hass):
Dann bringe ich ihn um.

Jack:
Gute Idee. Und wenn nicht?

Zorro zuckt die Achseln.

Jack (resignierend):
Na dann. Mach was du willst. Vielleicht komm ich irgendwann mal vorbei, um auf deinem Grab zu tanzen.

Zorro (lächelt):
Mach das. Ich werd mich freuen.

Das kommt so aufrichtig, ohne jeden Funken Zynismus oder Selbstmitleid, dass Jack Zorro am liebsten über Bord stoßen möchte und ihn so lange untertauchen, bis er Vernunft annimmt.
Und in einem hellsichtigen Moment fragt Jack sich, ob es wohl ein ähnlicher Impuls ist, der Mihawk Dulacre antreibt, Zorro die Dinge anzutun, die er ihm angetan hat.

Yet each man kills the thing he loves;
one man may do it with a sword, the other with a kiss...

Vielleicht ist Mihawk Dulacre in diesen letzten Wochen, in denen Zorro langsam seelisch kaputt geht, ein glücklicher Mensch gewesen. So glücklich, wie man mit einer unerfüllbaren Sehnsucht eben sein kann.

Moment. Vor allem ist er mieses Schwein. Jack fasst einen Entschluss.

Jack:
Also dann. Ich muss weiter. Schließlich hab ich ne Menge eigenes Zeug zu erledigen. Things to see, people to do  

Zorro (besorgt):
Bitte, Jack... das fällt dir jetzt vielleicht schwer, weil dus nicht kapierst, aber mach keinen Blödsinn!

Jack (harmlos):
Wie kommst du denn auf so was?

Zorro:
Du hast gegen ihn keine Chance.

Jack:
Gegen wen?

Zorro:
Für wie bescheuert hältst du mich?

Jack:
Ich? Dich? Aber nicht doch. Niemals. Starke Männer und schöne Frauen für dumm zu halten ist ein unverzeihlicher Fehler, den  würde ich mir nie erlauben.

Zorro (unbehaglich):
Jack, ich trau dir nicht!

Jack:
Hab ich dich je gebeten, mir zu trauen?

Zorro (entnervt):
Aaach, du...
...bleib einfach von Mihawk Dulacre weg. Bitte.

Jack hat sich schon abgewandt und winkt im Gehen über die Schulter.

Jack :
Pass du mal schön auf dein Schiff auf.  

Dann verschwindet er im Gewirr der Gassen.

 
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