Crossing Blades 13

Zorro hat sich tief in sich selbst zurückgezogen. Wo er nichts mehr spürt und wo niemand mit ihm böse Spielchen spielen kann. Nur manchmal, wenn ihm die kalte Gischt ins Gesicht spritzt oder er sich an den Tauen die Haut aufscheuert, dringt etwas zu ihm durch, ansonsten ist alles wie hinter einer dicken Glasscheibe. Es hat nichts mit ihm zu tun, es passiert ihm nicht wirklich.

Er tut was ihm gesagt wird und er spricht nur, wenn er angesprochen wird. Mihawk Dulacre scheint das so zu gefallen, er spricht selber nicht sehr viel.

Hat es etwas zu essen gegeben? Muss es wohl, denn Zorro hat es gekocht. Dass er solche Aufgaben übernimmt, hat sich wortlos so eingeschliffen. Zorro findet das normal, das gehört zu den Dingen, die ein Schüler für den Meister tut. Nur, beim ersten Mal musste er kotzen. Er hat würgend und spuckend über der Bordwand gehangen und Mihawk Dulacres Blick im Rücken gespürt. Zorro wäre es lieber gewesen, wenn Mihawk ihn beschimpft oder getreten hätte. Zorro hat sich den Mund ausgespült und mit wackeligen Knien die Schüsseln abgeräumt.  Die nächsten Tage hat er nur für einen gekocht. Bis Mihawk ihm schließlich seine Schüssel hinübergeschoben hat. Iss. Geschwächt kann ich dich nicht gebrauchen. hat er gesagt. Und ob du mich gebrauchen kannst, hat Zorro gedacht, in wütender Verzweiflung. Du kannst mich sogar gebrauchen, wenn ich keinen Finger rühren kann. Aber er hat schweigend und gehorsam ein paar Bissen heruntergewürgt und obwohl sein Magen protestiert hat, hat er hat es geschafft, sie unten zu behalten. Dann ist er aufgestanden um  noch einmal Reis aufzusetzen. Mihawk hat nur den Kopf geschüttelt. Damit waren die Fronten klar. Seitdem kocht Zorro wieder für zwei, aber er könnte nicht sagen, was
er da hastig herunterschlingt.

Manchmal machen sie an einsamen Stränden Halt und machen ein paar Stunden Schwertkampftraining. Dann ist Zorro eiskalt, präzise und tödlich.
Es ist der beste Schwertkampfunterricht, den er je hatte. Das liegt nicht an Mihawk Dulacre. Mihawk schenkt ihm nichts, erklärt ihm nichts und lobt ihn nie. Und Zorro spürt sehr genau, was Mihawk ihn alles nicht sehen lässt. Zu seiner Überraschung gibt es auch ein paar Dinge, die Mihawk nicht kennt. Aber er wird den Teufel tun, sich in die Karten schauen zu lassen. Take what you get, give nothing back. Mihawk behandelt ihn schließlich auch so. Tagsüber und nachts.

Als Zorro in der ersten Nacht Mihawks Hände unter seinem T-Shirt gespürt hat, wusste er, wie seine Nächte werden würden.
Eigentlich könnte er sich wehren. Aber Mihawk hat die Daumenschrauben von Loyalität und Ehrenkodex so fest angezogen, dass Zorro nicht herauskommt, egal wie weh es tut. Sicherlich könnte er Mihawk über Bord stoßen und ihm mit dem Ruder eins über den Kopf geben. Aber das ist genau die Art von Kampf, die er nicht will.
Zorro zieht sich zurück, hinter seine geschlossenen Lider, hinter seine zusammengebissenen Zähne. Es ist ein jämmerliches Versteck, das weiß er und Mihawk weiß es auch. Aber wenigstens etwas wird er durchziehen. Er wird Mihawk nicht noch einmal seine Tränen sehen lassen. Nie wieder.

Eines windstillen Nachmittags kommt Mihawk, der sonst kaum mehr als Anweisungen ausspricht, langsam ins Erzählen. Von seinen Erlebnissen, von seiner Vergangenheit, von seinen Ansichten über die Welt und überhaupt. Noch vor ein paar Tagen hätte Zorro ihm mit leuchtenden Augen zugehört. Jetzt will er all das gar nicht mehr wissen. Es interessiert ihn nicht mehr. Er streckt sich auf Deck aus, blickt übers Meer, zieht sich in seine Gedanken zurück und merkt gar nicht mehr, wie er immer größere Teile von Mihawks Erzählungen einfach überhört.
Mihawk spürt irgendwann, dass er ins Leere spricht. Er wirft Zorro einen prüfenden Blick zu. Zorro schläft. Mihawk betrachtet die reglose, ruhig atmende Gestalt und lächelt dünn. Den Jungen bei sich zu haben, der ihn eines Tages töten wird, das ist ein ganz besonderer Kick. Er mag es sogar, wenn Zorro bockig oder dreist  wird, so wie jetzt. Eigentlich hätte er mehr Widerstand erwartet. Aber diese erzwungene Gleichgültigkeit, diese eiserne Selbstbeherrschung, diesen verzweifelten Versuch,  zurückzuweichen, alles zuzulassen und trotzdem nichts preiszugeben, das findet Mihawk fast genauso aufregend. Besonders, wenn die Maske der Selbstbeherrschung Risse bekommt. Und Zorro so weit zu bringen, fällt Mihawk nicht schwer.
Unter Mihawks schwefelgelbem Blick wird Zorros Schlaf wird unruhig, er dreht sich um, schlägt langsam die Augen auf, in Mihawks Blick hinein und reißt unwillkürlich die Arme vors Gesicht.
Oh, nein. Verstecken gilt nicht. Mihawk beugt sich über ihn und drückt seine Handgelenke auf die Planken. Dann hat er eine Idee. Er hat keine Lust, die ganze Zeit Zorros Hände festhalten zu müssen. Er nimmt einen Strick und schlingt ihn um Zorros Handgelenke.

Eigentlich  ist es wieder mehr symbolisch. Zorro wäre auch mit einer Schlinge um seine Handgelenke durchaus in der Lage, sich zu wehren. Er tut es nicht, nicht jetzt, nicht zu anderen Gelegenheiten. Warum, das könnte er nicht in Worte fassen. Weil der Schock des ersten Mals so tief sitzt? Das würde er nie gelten lassen. Weil er, nachdem er es einmal nicht verhindern konnte, nicht mehr das Recht hat, Nein zu sagen?  

Weil ein Nein lächerlich wäre, wenn sein Körper ohnehin das tut, was Mihawk will? Zorro versteht es nicht. Tatsache ist nur, dass es so ist. Nicht, dass auch nur ein Funken Freude dabei wäre. Es ist eine unwillkürliche körperliche Reaktion, wie Schluckauf oder Niesen. Wenn Mihawk ihn kitzeln würde, würde er lachen müssen, ohne das im Mindesten lustig zu finden. Die Erinnerung daran, dass es eigentlich ganz anders sein könnte, verblasst mit jedem Mal mehr.

Es funktioniert nicht jedes Mal. Zorro hat bisher darin kein Muster entdecken können. Er weiß nicht, was er widerlicher findet, benutzt zu werden wie ein Putzlumpen, oder Komplize zu sein bei etwas, gegen das sich sein Innerstes so verzweifelt sträubt. Verglichen damit ist der Strick sein kleinstes Problem. Eigentlich sagt er nur aus, wie Zorro sich ohnehin fühlt.

Mihawk mag die Idee mit dem Strick, er behält sie bei, für Gelegenheiten, wenn Zorro beim Training zu gut war oder sonst durch einen Blick oder eine Geste Trotz gezeigt hat.

Mihawk hat ihm nie gesagt, was er eigentlich genau vorhat und Zorro hat nie gefragt. Sie segeln von einer Insel zur anderen. An manchen lässt Mihawk ihn beim Schiff zurück und verschwindet für ein paar Stunden in der Stadt. Dann segeln sie weiter. Zuweilen macht Mihawk sich Notizen in ein kleines Buch. Zorro könnte vielleicht heimlich darin nachblättern, aber er tut es nicht.

Einmal wurden sie von einem Trupp Bewaffneter überfallen. Zorro weiß nicht, wer die Männer waren und was sie wollten, Mihawk sagt es ihm nicht.
Mihawk wäre sicher auch allein mit ihnen fertig geworden, aber zu zweit kämpft es sich besser. Und Zorro hat alles gegeben, was er hat. Mihawk hat kein Wort dazu gesagt, aber er hat Zorro einen anerkennenden Blick zugeworfen. Zorro war ihm einen Moment lang so dankbar dafür. Das ist es, was ihn, abgesehen von seinem blanken Durchhaltewillen, noch über Wasser hält. Er hasst sich dafür.

In dieser Nacht beschäftigt sich Mihawk besonders eingehend mit ihm. Mit seiner Ohrmuschel. Seiner Achselhöhle. Seinem Bauchnabel. Zorro beisst sich auf den Handrücken und wünscht sich, Mihawk würde das nicht tun. Er hat sich dazu gezwungen, eine unangenehme halbe Stunde dann und wann einfach wegzustecken, wie wenn nichts wäre und das ist ihm schwer genug gefallen. Aber jetzt hat er das Gefühl wie wenn kein Quadratzentimeter seines Körpers mehr ihm gehört.
Er fragt sich, ob es wohl möglich ist, sich selber bis aufs Blut zu beißen. Geschafft hat er es noch nicht, aber es tut ordentlich weh. Gut so. Wenigstens der Schmerz gehört noch ihm.

Mihawk bemerkt, was er da tut und lächelt sein dünnes Lächeln. Er nimmt Zorro die Hand aus dem Mund und betrachtet die tiefen Bissspuren. Er probiert aus, ob seine Zähne in die Abdrücke passen und beißt zu, erst spielerisch, dann fester, den Blick auf Zorros Gesicht geheftet. Zorro schafft es nur halb, keine Miene zu verziehen. Jetzt gehört nicht einmal der Schmerz in seiner Hand mehr ihm. Was kann Mihawk ihm eigentlich noch stehlen? Piraten stehlen alles.
Dass Mihawk ihm als nächstes zwischen die Beine fasst, hat er nicht anders erwartet. Das macht ihm nichts aus. Das macht ihm nichts aus. Das macht ihm nichts aus.

Wieder einmal Schwertkampftraining am Strand. Mihawk ist stolz darauf, dass Zorro in so kurzer Zeit so viel gelernt hat. Wieder diese aufregende Zweischneidigkeit, je schneller Zorro lernt, desdo kürzer die Zeit, die sie noch miteinander haben.
Zorro pariert einen Hieb, noch einen, noch einen... Zorro spürt es selber, einige perfekte Momente lang ist er glücklich wie nie in diesen letzten Wochen. Mit seinen Schwertern in den Händen, mit den Gedanken nur beim nächsten Hieb und dem Wissen, dass es das ist, was er am besten kann, besser als je zuvor, sind diese Momente am Strand einfach nur richtig, auch wenn alles andere falsch und übel ist.
Als Mihawk Zorro so sieht, voller Begeisterung, außer Atem und mit leuchtenden Augen,  drängt er ihn gegen eine Felswand. Dass ihm das mittlerweile gar nicht so leicht fällt, mag er daran besonders. Er schlägt Zorro die Schwerter aus Mund und Händen und setzt ihm seine Klinge an die Kehle. Dann küsst er ihn über die Klinge hinweg. Zorros Hochstimmung erlischt, wie wenn jemand einen Schalter umgelegt hätte und er erwidert Mihawks Kuss kalt und routiniert.
Mihawk wendet sich schlechtgelaunt von ihm ab. Er hat Zorro einen Moment des Glücks gestohlen, aber kaum, dass er ihn hatte, hat er nur Asche in den Händen zurückbehalten. Zorro kann was erleben, später!
Zorro wirft ihm einen Blick voller Verachtung zu, sammelt seine Schwerter auf und geht wieder in Angriffspose. Aber Mihawk winkt ihm mürrisch zu, die Sachen zu packen und aufs Schiff zu bringen. Ende der Übungsstunde.

In dieser Nacht schlingt Mihawk einen Strick um seine Handgelenke und zieht die Schlinge zu so fest er kann. Dann schlägt er Zorro ins Gesicht. Sehr gezielt und sehr präzise, nicht so hart um ihm das Nasenbein zu brechen, aber gerade hart genug, dass Blut fließt. Zorro  sieht mit blutender Nase zu ihm hoch, mehr überrascht als erschrocken. Mihawk zieht einen Mundwinkel hoch. Er kennt Zorro mittlerweile ein wenig und er weiß, was Zorro besonders widerlich findet und was er am schwersten erträgt. Er probiert alles davon aus.

Als es vorbei ist und Mihawk den Strick gelöst hat, rollt Zorro sich zur Seite, zieht seine Hose hoch und beugt sich über die Bordwand um sich das Blut mit Meerwasser abzuwaschen. Er setzt sich neben Mihawk und nimmt sich eine Zigarette aus Mihawks Schachtel. Mihawk wirft ihm einen belustigten Blick zu und will ihm Feuer geben. Zorro nimmt ihm wortlos das Feuerzeug aus der Hand und zündet sich die Zigarette selbst an, ohne Mihawk eines Blickes zu würdigen. Er spürt, dass Mihawk ihn neugierig beobachtet, aber er ignoriert ihn und sieht dem Rauch hinterher, der sich in grauen Schwaden in den Nachthimmel verliert. Es ist eine diesige Nacht und Meer und Himmel fließen trübe ineinander.

Merkwürdig, eigentlich. Ein Meer ohne Horizont.


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